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Berichte

10. Juli 2003 – Sicherheitstest für Kellerlokale

Räumungsübung in einer Kellerkneipe – Gemeinsame Aktion von Feuerwehr, Baurechtsamt und Fachhochschule

Können Kellerlokale zu einer tödlichen Falle werden? Diese Frage interessierte Verantwortliche der Stadtverwaltung, die Feuerwehr sowie die Lehrbeauftragten der Fachhochschule Konstanz und ihre Architekturstudenten. Bei einer Räumungsübung in einer Kellerkneipe sind sie dieser Frage nachgegangen.
Uwe Jordan – beim Feuerwehramt zuständig für den Vorbeugenden Brandschutz – hatte die Idee zu diesem Experiment. Anlass waren für ihn die zwei schlimmen Unfälle im Frühjahr in Diskotheken in den USA, wo es jeweils viele Tote gegeben hatte. In einem Fall hatte es sich lediglich um ausgelöstes Pfefferspray gehandelt, das zu einer tödlichen Panik geführt hatte. In einigen Konstanzer Kellerlokalen ginge es so eng zu, "dass es mir das Kopfzerbrechen bereitet", erklärte Jordan.
Axel Mothes, Leiter des Baurechtsamtes und Lehrbeauftragter für Architektur an der FH Konstanz, erläuterte den Studierenden, dass die seit den 70-er Jahren bestehenden Lokale nach dem Baurecht den sogenannten Bestandsschutz genießen. Aber um überhaupt etwas erreichen zu können, müsse der Nachweis geführt werden, dass Leib und Leben der Gäste gefährdet sind, betonte Mothes, und es gehe auch nicht darum, die Lokale zu schließen.
Weiter erläuterte der Baurechtsamts-Chef, dass solche Lokalitäten mindestens zwei Fluchtwege benötigen. Der erste notwendige Fluchtweg sei das Treppenhaus, der zweite kann ein Lichtschacht sein, der über eine Treppe oder Leiter begehbar ist. Jordan ergänzte, dass es möglicherweise reichen würde, den zweiten Fluchtweg zu verbreitern.
Dass schon kleine Brände schlimme Folgen haben können, schilderte Feuerwehrmann Uwe Jordan. So habe vor mehreren Jahren in diesem Lokal – glücklicherweise nach Feierabend – ein kleiner Kerzenständer aus Kunststoff – etwa so groß wie ein Joghurt-Becher – gebrannt. Die Feuerwehrleute hätten in dem dichten schwarzen Qualm die Hand nicht vor den Augen gesehen. Sie hätten zudem eine dreiviertel Stunde gebraucht, bis sie in den verwinkelten Räumen die Brandausbruchsstelle gefunden hätten.
Bei dem geplanten Räumungsexperiment hätten die Teilnehmer mehrere entscheidende Vorteile gegenüber einem Realfall, erklärte der Brandschutzexperte. Sie seien alle vorbereitet und hätten zudem noch keinen Alkohol getrunken. Jordan rief die Studentinnen und Studenten auf, keine – sonst bei anderen Übungen gewünschte – schauspielerische Ader zum Vorschein zu bringen. Im Ernstfall müsse mit erheblichem Gedrängel gerechnet werden. Bei Panik führt Gedrängel zu Stürzen, die Menschen könnten nicht mehr aufstehen und würden einfach überrannt. Diese Hindernisse führten nicht selten zu weiteren Stürzen und blockierten den – einzigen – Rettungsweg.
Für die Übung nehme er an, dass durch eine äußere Einwirkung ein Brand im Treppenhaus ausgebrochen sei, erklärte Jordan. Dargestellt werde der Rauch durch Theaternebel. Die "Gäste" müssten nun selbst den Rettungsweg finden. Ein explodierender Feuerwerkskörper gab das Signal.
Nur wenige Sekunden dauerte es, bis der erste "Gast" aus dem Lichtschacht in den tageshellen Innenhof kletterte. Das Gitter über dem Schacht klappte immer wieder herunter, bis es einer der "Geretteten" mit einem Holzstock sicherte. Ob im Ernstfall jemand daran denken würde?
Die 74 Testpersonen, unter ihnen auch Professor Stephan Romero, Dekan des Fachbereiches Architektur und Gestaltung der Fachhochschule, und Klaus Holzer, beim Bürgeramt der Stadt unter anderem für das Gaststättenrecht zuständig, benötigten sieben Minuten und 15 Sekunden um die Disco zu räumen. Der Pächter der Kellerkneipe sagte, die Zahl der Testpersonen sei realistisch. Wenn viel los sei, wären bis zu 90 Leute im Lokal, so der Wirt. Sieben Minuten seien eine lange Zeit, wenn man bedenkt wie rasch sich der tödliche Brandrauch ausbreitet, betone Uwe Jordan, nur wenige Atemzüge reichten, um bewusstlos zu werden.
In den nächsten Wochen werden die Beteiligten intensive Gespräche führen, um für alle Beteiligten sinnvolle Lösungen zu erarbeiten – zum Beispiel die Verbreiterung des Lichtschachts; schließlich muss dem Sicherheitsbedürfnis der Gäste, den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Gaststättenbetreiber und den rechtlichen Anforderungen Genüge getan werden.
Siehe auch: Sicherheit in Kellerlokal verbessert
Fotogalerie 1/2
Fotogalerie 2/2

Fluchtverhalten

Zahlreiche recht anspruchsvolle Studien befassen sich mit dem Fluchtverhalten von (größeren) Menschenansammlungen in und aus geschlossenen Räumen. Als Quelle diente ein Artikel aus der c't 21/2000 S.66.
Boids (Flocks, Herds, and Schools: a Distributed Behavioral Model)
Panic: A Quantitative Analysis (Hier "Pedestrian Simulations" und "Major Crowd Disasters" auswählen. Ersteres zeigt in grafischen Simulationen wie sich Menschenmassen an Ausgängen stauen, letzteres bietet Video-Clips von Massenpaniken.)

Links zu Diskotheken-Unglücken

Chicago

Chicago: Disco hatte keine Betriebserlaubnis mehr
Massenpanik in der Chicagoer Discothek "E2"

Rhode Island USA

Zahl der Toten bei US-Diskobrand auf 85 gestiegen
Brandinferno bei US-Rockkonzert
Nachtclub war unzureichend gesichert
Tödliches Inferno nach Pyro-Show
Mindestens 96 Tote bei Rockkonzert

Caracas

Zahl der Toten nach Caracas-Brand erhöht sich auf 50
Mindestens 47 Tote bei Disko-Brand in Caracas


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