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Berichte
17. April 2003 – Das verflixte 65. JahrKurt Noll 41 Jahre bei der Feuerwehr – Altersregelungen zwangen ihn zum Ausscheiden( rin) Er zählte langsam bis 30, dann ging er mit dem Kopf hoch. Einen Tick zu früh: Im brennenden Sägewerk Bauer zündeten Schwelgase, schleuderten ihm Flammen und glimmendes Sägemehl entgegen. Das Gemisch fraß sich unter die Schutzmaske in die Haut am Hals. Damals - in den 60er-Jahren - war Kurt Noll noch ein junger Feuerwehrmann und das erste Mal im Einsatz verletzt. Doch von der Drehleiter wollte er nicht steigen. Erst als ihm die Kameraden das Wasser abdrehten, kam er herunter und ließ sich behandeln.
Jetzt sind es nicht die Kameraden, sondern Altersregelungen, die ihm das Wasser abdrehen. Nach insgesamt 41 Jahren Einsatzarbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr in Konstanz muss Kurt Noll aus dem aktiven Dienst ausscheiden. Er ist 65 Jahre alt geworden. Nach den gesetzlichen Regelungen darf er nun nicht mehr aktiver Feuerwehrmann sein - auch wenn Noll eine Kondition hat, um die ihn viele Jüngere beneiden. Noch vor wenigen Tagen kroch der Durchtrainierte, beladen mit Atemschutzmaske und Atemluftflaschen, über das Schiff des Konstanzer Münsters und erklomm die vielen Stufen des Turms. Es war seine letzte Übung. Als er die obere Turmetage erreicht hatte, empfingen ihn die Kameraden mit einem Überraschungsfest, und reichten Noll die von ihm geliebte Wasserpfeife.
"Gewöhnungsbedürftig" nennt Noll die Lage, in die ihn sein 65. Geburtstag gebracht hat. Auf einen Schlag enden seine Karrieren im Beruf und bei den Rettungsdiensten: 40 Jahre gehörte Noll dem Rettungszug der Konstanzer Feuerwehr an, elf Jahre war er ein streitbarer stellvertretender Kommandant, fast 20 Jahre führte er den ABC-Zug, von den 15 Triathlons der Feuerwehr hat er 14 mitbestritten, 32 Jahre war er Rettungstaucher bei der DLRG. Jetzt ist er Ruheständler.
Im April 1956, am Tag seines 18. Geburtstags, hatte sich Noll auf der ehemaligen Wache am Stephansplatz den Aufnahmeschein für die Feuerwehr geholt. Es war der frühest mögliche Termin - damals gab es noch keine Jugendfeuerwehr. Seinen ersten Einsatz hatte der junge Noll schon einige Wochen zuvor, während der Fasnachtszeit. Auf dem Weg zu einem Ball im Konzil sah er im oberen Stock Flammen aus einem Haus in der Niederburg schlagen und alarmierte über einen Melder die Feuerwehr.
Es war die Zeit, in der Brände im ältesten, damals heruntergekommenen Stadtteil von Konstanz, noch verheerende Ausmaße annehmen konnten. Es gab dort noch keine Brandschutzmauern und branddämmende Baustoffe. Die Meldewege ohne Funkgerät und mit nur wenigen Telefonen waren lang. Damals waren die Einsatzkräfte froh, dass der junger Zivilist Noll seine Hilfe anbot. Er stand im Treppenhaus knapp unterm Dachstuhl und zog Schläuche nach.
Seitdem haben viele hundert Alarme Noll aus dem Nachtschlaf gerissen. Er kämpfte gegen Großfeuer beim Brand des Gaswerks, des Hohen Hauses und des Hotels "Gerda". Er baute den ABC-Zug zusammen mit Klaus Wehner zum Musterzug im Ländle auf. Die auf einen atomaren Schlag ausgerichtete Ausbildung wurde um Gefahrgutfälle, wie sie im zivilen Leben vorkommen, erweitert. Den größten Einsatz hatte der Zug, als der Reaktor von Tschernobyl durchbrannte und die radioaktive Fracht bis nach Süddeutschland zog.
Als seine "schlimmsten Einsätze" hat Noll alle die in Erinnerung, bei denen Kinder ums Leben kamen. "Das bewegt einen noch lange Jahre." Wie vielen Menschen er selbst das Leben gerettet hat, weiß Noll nicht, und eigentlich will er es auch gar nicht wissen. Alle in der Feuerwehr arbeiteten gemeinsam am Ziel, Menschen zu retten, da spiele es keine Rolle, wer den entscheidenden Handgriff getan habe, sagt er.
Der Ruheständler Noll hat sich vorgenommen, nun nicht mehr um 4.54 Uhr, sondern erst um sieben Uhr aufzustehen und endlich die 13 Tagebücher zu lesen und die 2000 Dias anzusehen, die er als Jugendlicher von seiner über sechs Jahre dauernden Weltreise mitbrachte.
Als 20-Jähriger war er von Konstanz aus losgegangen, was durchaus wörtlich zu verstehen ist: Noll reiste vor allem zu Fuß. Viele Zehntausende Kilometer sei er wohl unterwegs gewesen.
Momentan allerdings plant Noll schon neue Reisen: Mit seiner Tauchergruppe will er wieder einmal durch die Sahara fahren. Die Route, so versichert er, liege weit ab von der, auf der eine Reihe Touristen verschwanden. Dann möchte er mit seiner Frau nach Tibet und Nepal. Und wenn ihm noch etwas Zeit bleibt, trainiert er weiter auf seinem Rennrad.
Auch wenn seine Frau und seine zwei inzwischen erwachsenen Kinder allzu oft zurückstecken mussten, auch wenn die Nachteinsätze oft schwer an der Kondition zehrten, auch wenn die Gefahren einer Druckzündung in den modernen hochisolierten Wohnungen zuletzt stieg - Noll fällt der Abschied vom aktiven Dienst in der Feuerwehr schwer: "Wenn es ginge", so sagt er, "würde ich weiter machen oder nochmals von vorn anfangen."
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