20. Juli 1963 – Die entscheidende halbe Stunde Verspätung
Vor 40 Jahren brannten Kirche und Kloster St. Ulrich in Kreuzlingen vollständig aus – Konstanz zu spät alarmiert
Der Feuerschein in den frühen Morgenstunden des 20. Juli 1963 war kilometerweit zu sehen. In dieser Nacht wurde Kreuzlingen von der schwersten Brandkatastrophe seiner jüngeren Geschichte heimgesucht: Die aus dem Jahr 1633 stammende, an der Stelle des zuvor niedergebrannten Klosters errichtete Barockkirche und das Kloster St. Ulrich brannten nahezu vollständig aus. Wertvolle Altäre, die Orgel, Deckengemälde, Bilder, die 320 handgeschnitzten Holzfiguren des berühmten, heute rekonstruierten Ölbergs, liturgisches Gerät aus Gold und Silber und historische Priestergewänder sowie die wertvolle Klosterbibliothek fielen dem Feuer zum Opfer. Lediglich die Christusfigur des Ölbergs soll, so die Überlieferung, den Feuersturm fast unversehrt überstanden haben.
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Die größte Brandkatastrophe in der jüngeren Kreuzlinger Stadtgeschichte: Vor 40 Jahren, am 20. Juli 1963, wurden Kirche und Kloster St. Ulrich fast vollständig vernichtet. Foto: Archiv Freiwillige Feuerwehr Konstanz
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Kurz nach zwei Uhr nachts wurde das bereits ausgedehnt wütende Feuer im Dachstuhl von Kirche und Klosterbau entdeckt. Wertvolle Minuten vergingen mit telefonischen Nachfragen der Polizei, bis endlich die Feuerwehr verständigt wurde. Etliche Zeit später erst konnte der Kreuzlinger Feuerwehrkommandant Weisung geben, auch die Konstanzer Feuerwehr zu alarmieren. Doch der beauftragte Polizeibeamte bat den 80-jährigen Mesner der Kirche, diese Meldung zu übernehmen. Der aufgeregte alte Mann versuchte eine halbe Stunde lang über den schweizerischen Notruf die Konstanzer Feuerwehr zu erreichen. Diese Direktverbindung über die Grenze hinüber war technisch jedoch nicht möglich, weshalb stets das Besetztzeichen klingelte – wertvolle Zeit, die zur Rettung des Kirchenguts hilfreich gewesen wäre, verging. Erst um acht Minuten nach drei Uhr schaltete das Telefonamt St. Gallen eine Notleitung nach Konstanz. Gegen halb vier rückten Dutzende von Konstanzer Feuerwehrmännern an, unterstützt von der großen Drehleiter und leistungsfähigen Pumpen.
Doch weitere Pannen und Missverhältnisse verschlimmerten das Ausmaß des Unglücks. Die Kreuzlinger Wasserleitung war rasch überlastet. Die größeren Schlauchleitungen der Konstanzer Wehr konnten zwar durch passende Übergangsstücke an die Schweizer Hydranten angeschlossen werden, doch es gab nicht mehr genug Wasser. So befahl der Konstanzer Kommandant Rudolf Santo, mit so genannten eisernen "Laningerrohren" eine 1,3 Kilometer lange Wasserleitung von Konstanz her aufzubauen und mit zwischengeschalteter Pumpenverstärkung Löschwasser über die Grenze zu pumpen.
Derweil kämpfte die damals noch überwiegend mit Leiterwagen und kleinen Zweiradpumpen ausgerüstete Kreuzlinger Feuerwehr einen verzweifelten Kampf gegen die Urgewalt des Feuers. Konstanzer und Kreuzlinger Feuerwehrmänner rannten ohne Atemschutzgeräte in die brennenden Gebäude, um heraus zu tragen, was noch unversehrt war – eine lebensgefährliche Rettungsaktion.
Bald brach der Dachstuhl ein und das Feuer sprang explosionsartig von Dachboden zu Dachboden. Eine Brandbekämpfung konnte zu diesem Zeitpunkt kaum mehr Erfolg haben. Die Zeiger der Turmuhr waren auf 2.40 und 2.45 Uhr stehen geblieben. Noch bevor es hell wurde, brach der Turmhelm ein und das brennende Gebälk des Glockenstuhls ließ die tonnenschweren Kirchenglocken in die Tiefe stürzen.
Morgens bot sich ein Bild des Schreckens: Von der barocken Schönheit der alten Klosterkirche, von deren Kreuzesreliquie der ganze Ort einst seinen Namen erhalten hatte, war nichts mehr zu sehen. Aus rauchenden Trümmern ragten schmiedeeiserne Gitter, Deckengemälde und Dachziegel lagen zu Schuttbergen aufgetürmt, die Gebäude des Lehrerseminars standen ausgehöhlt da. Glücklicherweise waren die 200 Seminaristen bereits in die Ferien abgereist, so dass Menschen nicht zu Schaden kamen.
Der Brandschaden wurde später auf etwa fünf Millionen Franken beziffert. Ursache des Feuers waren Schweißarbeiten im Kloster- und Kirchenbereich gewesen. Offenbar hatte ein glühender Metalltropfen das trockene Holz- und Füllmaterial eines Zwischenbodens entflammt, so dass sich über viele Stunden ein Schwelbrand entwickeln konnte, der dann mit Urgewalt explodierte.
Der Kanton Thurgau entschloss sich zum Wiederaufbau des Kreuzlinger Wahrzeichens. Neben der barocken Fröhlichkeit des Kirchenschiffs beeindrucken heute die krippenartige Ölbergkapelle mit ihrem behaarten Jesus und das angrenzende Klosterareal, das öffentlich zugänglich ist.
Die Feuerwehren von Konstanz und Kreuzlingen haben aus dieser Katastrophe gelernt: Der Brand von St. Ulrich beendete die durch den Zweiten Weltkrieg entstandene Sendepause und begründete eine intensivere Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen. Heute sind die beiden Feuerwehren bei weiterhin bestehender Unterschiedlichkeit doch gut befreundet und jederzeit zur Hilfeleistung bereit und in der Lage. Der Brand des Hotels "Bayerischer Hof", der "Drachenburg" in Gottlieben, des Torkelgebäudes am Benediktinerplatz oder der Treibholzeinsatz sind Beispiele gegenseitiger Hilfeleistung aus der jüngeren Zeit.
Text: Tobias Engelsing, SÜDKURIER, Samstag, 19. Juli 2003
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