Nach dem Streit legte der Knecht Feuer
Ein Großbrand weckt das Interesse des Kindes am Feuer – Nächtliche Evakuierung aus dem brennenden Hof
Mitten in der Nacht erwachten wir aus unruhigem Schlaf. Etwas krachte auf dem Hof. Wir drei Jungs schlichen aus der Bubenkammer über die Diele zum Hoffenster. Heller Lichtschein drang herein. Aus der Giebelwand der ans Bauern- und Wirtshaus angrenzenden Scheune schlugen Flammen "Feuer!" schrieen wir, als wir die Treppe hinunter stürzten. Die Tür der Wirtsstube sprang auf: Peter, der Wirt, seine Frau "Bethli" und letzte Stammgäste starrten uns an, drängten zur Haustür, denn sie hatten vom Feuer noch nichts bemerkt.
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Tobias Engelsing erlebte als Kind den Großbrand eines Thurgauer Bauernhofes – ein Ereignis mit Nachwirkungen.
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Wir quetschten uns auf den Hof hinaus. Eternitplatten zerschellten au dem Pflaster. Plötzlich krachte die Dachhaut auf, das Feuer "ging durch", Ziegel prasselten wie überlauter Hagel auf den Hof, das Vieh im Stall blökte.
Zwei Männer packten Kälberstricke und Kartoffelsäcke und wagten sich in den Stall, zogen den beiden Kühen die Säcke über den Kopf und führten die panischen Tiere heraus.
Peter erschien unter dem Scheunentor mit dem Traktor. Wagemutig hatte er das Fahrzeug im dicht verrauchter Laderaum bestiegen und den Motor zum Laufen gebracht.
Ein Nachbar schleifte einen dünner Gartenschlauch über den Hof, schloss ihn am Wasserhahn vor dem Haus an und bespritzte die rot glühende Giebelwand, aus der schon mannshohe Bretter funkenstiebend herunterbrachen.
Keine Feuerwehr weit und breit. Bethli streichelte uns Kleineren beruhigend über den Kopf, hielt uns beisammen wie eine Schafherde. Sie hieß uns Hosen und Pullis aus dem Haus zu holen. Ihre vier Kinder sollten einige weitere Kleidungsstücke zusammenpacken. Taschenlampen wurden verteilt.
Ewig kam keine Hilfe. Durch die durchsichtig werdenden Holzlatten der Scheune leuchtete das hell lodernde Heu. Endlich hörten wir die Feuerwehrhörner, mühsam quälten sich die schweren Fahrzeuge von Weinfelden her den Hang des Thurtals herauf.
Wütender Knecht
Im Sommer 1968 war ich auf Bauernhofurlaub bei unseren Freunden vom Stelzenhof. Der bleiche Konstanzer Volksschüler sollte sich hier körperlich betätigen und kräftig futtern. Wir lasen Obst auf und wurden angeschnauzt, weil wir faule Apfel in die Holzkisten warfen. Ich lernte, wie man Obst in die Mühle schüttet, wie Maische in Holzfässer eingeschlagen wird; entdeckte mit Freddie das Nest der jungen Katzen im Heustock, alte Zinnkannen auf dem Sims der Wirtsstube und den Militärkarabiner des Vaters. Im Keller gab es frei zugängliches "Sinalco" und jeden Tag stopfte ich Biberfladen aus den Körbchen auf den Wirtshaustischen in mich hinein.
Am Abend vor dem Brand hatten die Erwachsenen etwas Öhmd eingebracht. Wir Jungs tollten im Heustock herum. Unten kam es zum Streit zwischen dem Bauern und seinem Knecht. Der Bauer stand breitbeinig vor dem Gebläse, eine Heugabel fest umklammert. Lauthals maßregelte er den Knecht, von dem man sagte, er sei ein "Dubbel" und den die Kinder hänselten.
Otto, der Knecht, zog den Kopf ein, doch plötzlich riss er seine Heugabel hoch und richtete sie gegen den Bauch des Chefs. Der parierte, die Zinken schlugen aneinander. Es entstand ein Gerangel, dann nahm der Bauer die Gabel quer und schlug sie dem Gegner mit voller Wucht ins Kreuz. Der ging zu Boden. Er solle sich schleunigst davonmachen, brüllte der Bauer. Alles stand schweigend ringsum. Der Geschlagene erhob sich, stieß im Fortgehen Drohungen aus und fuhr schließlich mit seinem Moped davon.
Kinder evakuiert
Die Feuerwehr fand kaum Wasser. Der Löschteich war verschlammt, man musste eine Fernleitung legen. Auf dem Hof herrschte ein wildes Durcheinander von Schläuchen, Schlauchspindeln, Gerätschaften und brüllenden Feuerwehrleuten. Es galt, das Wohnhaus vor dem baldigen Übergreifen des Feuers zu bewahren.
Ich stand fasziniert am Rande. Erschrocken zwar, denn ich sah, dass es um alles ging, was meine Gastfamilie besaß; aber ich war auch gepackt von diesem wütenden Schauspiel direkt vor meinen Augen.
Man beschloss, uns Kinder vom Platz des Unglücks zu entfernen. Wir sollten bei einem Nachbarn in sicherer Entfernung untergebracht werden und dort weiterschlafen. Ich war enttäuscht, doch Widerspruch war zwecklos.
Auf dem Nachbarhof steckte man uns in einer muffigen Kammer zu fünft in zwei Betten. Es gab auch hier kein Licht mehr, ängstlich krochen wir unter kratzige Pferdedecken. Es war eng, und ich musste mal. Als ich gerade auf dem Sims des Fensters stand und hinauspinkelte, leuchteten von der Bergstraße her die Blaulichter nachrückender Feuerwehrfahrzeuge auf. Die Kinder kicherten: Im blauen Schein machte ich den Kasper, die eben noch bedrückte Stimmung schlug um in albernes Kichern.
Fröstelnd und müde standen wir frühmorgens vor der Ruine der Scheune Sie war bis auf die Steinmauern heruntergebrannt, das Wohnhaus aber war gerettet worden. Ein Dutzend Feuerwehrleute mit schwarzen Gesichtern und triefend nassen Uniformen warfen das noch immer schwelende Heu aus der Ruine auf den Hof und löschten jeden Fetzen einzeln ab. Es stank nach alter Gülle, nassem Heu und verbranntem Gummi. Kaffee und Nussgipfel wurden gereicht.
Die Wirtsleute hockten nebeneinander auf dem Treppenabsatz des Wohnhauses. Es sei ja nur die Scheune, sagte Peter immer wieder und nahm seine Frau in den Arm. Ein Polizeiwagen fuhr vor. Zwei Beamte zogen den Knecht aus dem Fahrzeug. Er trug Handschellen und ließ den Kopf hängen. Ein Nachbar hatte ihn noch in der Brandnacht am Waldrand entdeckt und verprügelt, weil er dem Feuer zugesehen und triumphierend gelacht habe.
Peter sprang auf, seine Frau hielt ihn zurück. "Lass ihn, er ist doch nicht ganz recht im Kopf", sagte sie. Man führte den Knecht zur Brandstelle. Er deutete auf den Ort, wo das Holzlager gewesen war. Dort hatte er nachts ölgetränkte Lumpen deponiert und im Hass gegen seinen Chef in Brand gesteckt. Einige der Feuerwehrmänner riefen lautstark, man solle das Feuer noch mal anheizen und den Kerl hineinwerfen.
Diese Meinung teile ich bis heute nicht. Aber ein paar Jahre nach dem Brand durfte auch ich endlich Feuerwehrmann werden.
Autor: Tobias Engelsing war jahrelang aktives Mitglied und Pressesprecher der Freiwilligen Feuerwehr Konstanz.
Erschienen im Südkurier, Konstanz, Samstag, 25. August 2001, S. 19 in der Serie "Der Sommer in meiner Erinnerung (9)". Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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