02. September 2000 – Schulbus gegen Gefahrgut-Transporter
Salzsäure
Salzsäure (Chlorwasserstoffsäure) ist eine farblose Flüssigkeit, die sich durch einen stechenden Geruch auszeichnet und deren Dämpfe stark reizend und ätzend sind. normalerweise besteht keine Brandgefahr, jedoch kann die Salzsäure mit anderen Stoffen eine chemische Reaktion eingehen und gegebenenfalls Wasserstoff bilden; damit ist auch eine Knallgasbildung (Explosionsgefahr) möglich.
Als Flüssigkeit ist die Salzsäure gleich schwer wie Wasser, die Gase und Dämpfe sind schwerer als Luft. Der Schmelzpunkt liegt bei –50°C, die Siedepunkt bei 108°C.
Gefahrenzahl: 80 (ätzend), Stoffnummer: 1789
Quelle: ERICards
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Ein mit Schülern besetzter Bus prallte mit dem Anhänger eines Gefahrgutlasters zusammen. Der Anhänger kippte um und schlug Leck, Salzsäure trat aus. So lautete das Szenario einer internationalen Übung des Konstanzer Gefahrgut-Zuges und der Chemiewehr des Kantons Thurgau (Schweiz), auf dem Gaswerksgeländes bei den Stadtwerken Konstanz. Gegen 8.15 Uhr wurde der Übungsalarm ausgelöst.
Wenige Minuten später treffen die ersten Fahrzeuge mit Sonderrechten ("Tatütata") aus der Feuerwache Steinstraße ein. Für deren Besatzungen lautete die vordringlichste Aufgabe: Menschenrettung aus dem Bus unter schwerem Atemschutz. Die gehfähigen Schüler wurden nach draußen begleitet und in Sicherheit gebracht. Als Verletztensammelstelle diente die große Bushalle der Stadtwerke, wo die Schnelleinsatzgruppe (SEG) des Deutschen Roten Kreuzes die Verletzten versorgte.
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Wichtigste Maßnahme: "Menschenrettung". Die von den Salzsäuredämpfen gefährdeten Schüler und der Busfahrer müssen in Sicherheit gebracht werden. Im Hitergrund sind der Aufbau des Hydro-Schildes und der verunfallte Anhänger zu sehen. Foto: Frank van Bebber
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Unfallopfer gefährdet
Um eine weitere Gefährdung der Unfallopfer durch die ätzenden Dämpfe zu vermeiden, stellten die Konstanzer Feuerwehrleute ein Hydroschild auf. Damit wurde eine Wasserwand gebildet, die die Dämpfe weitgehend niederschlug.
Weitere Opfer mussten mit Tragen herausgeschafft werden, so auch der Fahrer, der über dem Lenkrad zusammengesunken war. Einige Schüler konnten jedoch nicht sofort befreit werden. Rettungssanitäter betreuten diese noch im Bus. Dazu wurde das Unfallfahrzeug aus dem Gefahrenbereich geschleppt.
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An der Deko-Station werden die Anzugträger gereinigt. Vorne rechts im Bild ist das Feldtelefon - organgener Kasten - zu sehen. Foto: Frank van Bebber
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Verstärkung aus dem Thurgau
Einsatzleiter Hans-Jürgen Oexl forderte zur Verstärkung die Chemiewehr Thurgau an. Bei der Ersterkundung am umgestürzten Anhänger war festgestellt worden, dass es sich bei dem Gefahrstoff um Salzsäure handelte. Ein Trupp unter Vollschutzanzügen ("Ganzkörperkondom") stellte einen Kunststoffbehälter unter dem Leck auf und verhinderte so ein unkontrolliertes Ausbreiten der Salzsäure. Eine "stabile Lage" war damit erreicht. Ruhe kehrte damit am umgestürzten Hänger ein, die Gefahr war weitestgehend gebannt. Um eine definierte Grenze für den Gefahrenbereich zu erhalten, sicherten Feuerwehrleute die Einsatzstelle mit Trassenband ab. Parallel dazu war der ELW 2 für die Einsatzleitung aufgebaut worden.
Weitere Trupps maßen am Boden und in den Kanälen die Schadstoffkonzentration. Unterstützt wurden diese von den gegen 8.30 Uhr ebenfalls unter Alarmfahrt eingetroffenen Fahrzeugen aus Weinfelden. Diese waren am Gottlieber Zoll von einem Lotsen abgeholt worden. Im Realfall wird mit einer Eintreffzeit von rund 30 bis 40 Minuten gerechnet.
Die Weinfelder in Aktion
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Aus dem Leck des Anhängers (rechter Bildrand) wird die Salzsäure in einen Kunststoffbehälter umgepumpt. Foto: Frank van Bebber
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Die Weinfelder bauten ebenfalls ihre Einsatzleitung auf und bildeten einen räumlich getrennten Einsatzabschnitt. Sie richteten eine "Deko-Stelle" (Dekontamination, Reinigungsstelle für verunreinigte Anzüge und Gerätschaften) ein. Einsatzkräfte zogen Vollschutzanzüge an, um anschließend die Salzsäure in größere Kunststoffbehälter umzupumpen.
Ungewohnt für die Konstanzer Feuerwehrfrauen und -männer: Zwischen den ortsgebundenen Funktionsstellen wie Deko-Stelle und Einsatzleitung wurde eine kabelgebundene Telefonverbindung ("Feldtelefon") aufgebaut. Zweck sind die Entlastung des beanspruchten Sprechfunks und eine stabile Nachrichtenübermittlung.
Übungsziele erreicht
Nach rund anderthalb Stunden waren die Übungsziele erreicht, so dass Übungsleiter Klaus Wehner abbrechen ließ. In der anschließenden Manöverkritik äußerten sich die Schiedsrichter Peter Renker (Stellvertretender Kommandant der FF Konstanz) und Richard Frei (Mitglied des Kommandos der Fw Weinfelden, Chemiewehr Thurgau) zufrieden mit dem Übungsablauf. Als größten Schwachpunkt machten beide die Kommunikation zwischen den beiden Einsatz- beziehungsweise Abschnittsleitungen aus; Probleme bereiteten dabei auch die unterschiedlichen Führungssysteme.
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Während des "Einsatzes" haben die Helfer der Schnelleinsatzgruppe des DRK viel zu tun. Foto: Frank van Bebber
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Seit Jahrzehnten besteht eine Zusammenarbeit von schweizerischen und deutschen Feuerwehren im Brandschutz. Für Konstanz und Weinfelden bildete diese Übung den Höhepunkt der seit drei Jahren bestehenden Zusammenarbeit auf dem Gebiet Gefahrgut/Chemie. Bisher trafen sich die Feuerwehrleute zu Informationsveranstaltungen und der Aus- und Fortbildung. Als Ziel haben sich die Verantwortlichen gesetzt Erfahrungen auszutauschen, unterschiedliche Taktiken und Technik vorzustellen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen, Schnittstellen zu finden und die Kommunikation zu verbessern.
Die Realitätsnähe der geplanten Übung finden Beispiele in der jüngsten Vergangenheit: Tanklaster-Unglück am 2. Juni dieses Jahres in Kreuzlingen (CH) und vor wenigen Wochen das Bus-Unglück bei Melk in Österreich als acht Jugendliche starben. Hinzu kommt der deutsch-schweizerische Zollhof im Tägermoos und der Autobahnanschluss an die N7, welche eine Zunahme im internationalen Güterverkehr erwarten lassen.
Ausklang
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es im Landkreis Konstanz weitere Gefahrgut-Züge gibt, die bei Bedarf ebenfalls alarmiert werden können. Außerdem besitzt der Landkreis Konstanz zwei Fahrzeuge speziell für Gefahrguteinsätze – GW-AS/Mess und GW-G –, die beide in Konstanz stationiert sind und bei dieser Übung eingesetzt wurden.
Geprobt wurde auch die Pressebetreuung, die erst recht im tatsächlichen Einsatzgeschehen erforderlich ist. Unterstützt wurden die Konstanzer von Hanspeter Meier (Kommandant der Fw Weinfelden), so dass die Medien-Vertreter kompetente Ansprechpartner vor Ort hatten. Diese Arbeit wurde durch einen spannenden und informativen Bericht im SWR 4 Bodenseeradio "belohnt". Auch die Tageszeitungen – Südkurier, Thurgauer Zeitung, Thurgauer Tagblatt und Thurgauer Volksfreund – berichteten jeweils mit Bild und längeren Texten.
An der Übung haben 40 Feuerwehrleute aus Weinfelden, 30 aus Konstanz und 10 Helfer der SEG des DRK Konstanz teilgenommen. Als Opfer hatten sich 13 Jugendfeuerwehrler zur Verfügung gestellt.
Ein interessantes Detail sei am Rande vermerkt: Der Bus, der das eine Unfallfahrzeug darstellte war beim Verkehrsunfall am 30. Juni 2000 beschädigt worden. Die Stadtwerke werden ihn verkaufen – zuvor konnte er einen realistischen Hintergrund bilden.
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Abschnittsleiter Bernd Oser (weiße Weste) gibt klare Einsatzbefehle. Foto: Aurelia Scherrer
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Ein Atemschutz-Trupp bereitet den Angriff mit dem Hydro-Schild vor. Foto: Aurelia Scherrer
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Der Einsatzabschnitt der Feuerwehr Weinfelden (Chemiewehr Thurgau). Die Feuerwehrleute bringen ein mit Druckluft aufblasbares Zelt in Stellung. Foto: Aurelia Scherrer
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Ein Atemschutz-Trupp der Chemiewehr Thurgau (Fw Weinfelden) bei der Erkundung am umgestürzten Anhänger. Foto: Aurelia Scherrer
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Ein Trupp unter Vollschutzanzug bringt einen Kunststoffbehälter unter dem Leck in Stellung um die auslaufende Salzsäure aufzufangen. Foto: Aurelia Scherrer
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Ein Konstanzer Atemschutz-Trupp schlägt aus sicherer Entfernung mit Wasser aus einem Strahlrohr die Salzsäure-Dämpfe nieder. Deutlich ist auch die Wasserwand des Hydro-Schildes zu erkennen. Foto: Aurelia Scherrer
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