27. April 1999 – Giftige Dämpfe nach Chemie-Unfall
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Die Drehleiter vor dem Gebäude P, angeleitert an der Ebene P10 – vorsorglich als zusätzlicher Rettungs- und Angriffsweg.
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Alarmierung
Um 10.19 Uhr erhielt die Zentrale der Freiwilligen Feuerwehr einen Notruf von der Leitwarte der Universität Konstanz. Daraufhin alarmierte der Zentralist den "Löschbereich Petershausen" mit dem Alarmstichwort "Explosion"; der Einsatzort: das Gebäude P (Die Ebenen P5 bis P10 gehören zur Physik, die Ebenen P11 und P 12 zur Biologie). Die Brandmeldeanlage hatte nicht ausgelöst.
Nitrose Gase
Nitrose Gase (NOx) entstehen, wenn Salpetersäure mit organischen Materialien zusammentrifft oder Kunstdünger brennt. Sie sind erkennbar an rotbraun wabernden Dämpfen, die stechend riechen (sehr niedrige Geruchsschwelle) und schwerer als Luft sind. Diese Dämpfe sind hochgiftig und können, wenn sie eingeatmet werden zu einem Lungenödem (Wasser in der Lunge führen). Es kann drei Tage dauern, bis sich gesundheitliche Schäden zeigen. Die Maximale Arbeitsplatz-Konzentration (MAK-Wert) darf höchstens 5 ppm (parts per million, Teilchen auf eine Million Teilchen) betragen.
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Die Fahrzeuge fuhren zum Eingang an der Nordseite des Gebäudes (Zugang in Ebene P6). Vorsorglich wurde die Drehleiter als weiterer Rettungs- und Angriffsweg in Stellung gebracht. Die Erkundung erfolgte zu Fuß über den Treppenraum. Nach dem Alarmierungsstichwort erwarteten die Einsatzkräfte einen Brand oder ähnliche Schäden wie im Oktober nach einer Explosion im Fachbereich Chemie. Die Erkundung ergab jedoch eine völlig andere Lage: Nachdem zwischenzeitlich von einer Halogen-Gasexplosion die Rede war, Rauch zu sehen sein und zuvor der Knall einer Explosion zu hören gewesen sein sollte , stellte sich folgendes heraus: Eine Technische Angestellte (TA) hatte in einem Chemielabor (P1024) des Fachbereichs Physik – im nördlichen Arm des kreuzförmigen Gebäudes – mit Zellstofftüchern eine Flüssigkeit aufgewischt. Dabei entstanden Nitrose Gase, worauf sie die Leitwarte informierte.
Einsatzleitung
Der Stellvertretende Amtsleiter, Uwe Jordan, übernahm die Einsatzleitung. Als Verantwortlicher der Universität war Wolfgang Hellstern, Chemieingenieur und Beauftragter für Arbeitssicherheit, vor Ort.
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Die Schutzanzüge werden noch außerhalb des Gebäudes angezogen (oben). Kurz vor der Einsatzstelle schließen Helfer die gasdichten Anzüge (unten).
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Über Lautsprecher hatte die Leitwarte über Lautsprecher die Beschäftigten zum Verlassen der Ebene P10 aufgefordert. Wegen der unübersichtlichen Lage ließ Abschnittsleiter Klaus Wehner durch Atemschutz-Trupps P10 absuchen. Tatsächlich konnten einige Leute aufgestöbert werden. Wer sich längere Zeit im Gefahrenbereich aufgehalten hatte, wurde draußen vom Rettungsdienst in Empfang genommen.
Parallel dazu ließ Wehner die Schlauchleitung aus einem Wandhydranten bis zum Labor verlegen und die Aufzüge stillegen. Ein Trupp unter Vollschutzanzug (eine Art "Ganzkörperkondom"), mit Ex-Warngerät und Prüfröhrchen ausgestattet, ermittelte die Schadstoff-Konzentration für Nitrose Gase. Im Gang gab es keinen Farbumschlag im Prüfrohrchen, im Labor selbst auf Brusthöhe lediglich 2 ppm. Das Medium – eine ölige Flüssigkeit – war weiträumig und bis in etwa einer Höhe von einem Meter im Labor verteilt.
Danach hatte der Trupp das schadhafte Gebinde ausfindig zu machen und gegebenenfalls zu sichern und zu bergen. Ein Behälter sollte unter einem Dunstabzug stehen, deren es aber zwei gab, einen "rechts" und einen "links" wenn man zur Türe hereinkommt. Dummerweise gibt es aber zwei gegenüber liegende Türen, die beide auf parallel verlaufende Gänge führen ...
Auskunft
Da die TA, die als einzige Auskunft geben konnte, im Freien zur Beobachtung war, mußte umständlich über 2-Meter-Funk geklärt werden, wo der Behälter steht und welches Aussehen er hat. Nach einigen Mühen war sich die Feuerwehr sicher, die richtigen Behälter identifiziert zu haben.
Ein Gefäß, das der Beschreibung entsprach und außerhalb des Dunstabzuges stand, packten die beiden Feuerwehrleute in einen blauen Abfallsack und stellten es in eine spezielle Kunststoffwanne. Das Gebinde war damit ausreichend gesichert. Der zweite Behälter – ein blaues Faß – stand unter einem Dunstabzug und bedeutete keine akute Gefahr.
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Nach dem Abstreuen mit dem grünen Universal-Chemikalienbinder ein Blick auf den "rechten" Dunstabzug (Bild oben). Im linken Bild der "linke" Dunstabzug mit dem zweiten Behälter (Bildmitte). Darin befanden sich die getränkten Zellstofftücher. Auf dem rechten Bild kehrt der Trupp den Chemikalien mit der gebundenen Flüssigkeit auf.
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Jetzt konnte der Trupp durch ausstreuen eines hochwirksamen Universal-Chemikalienbinders die ausgelaufene Flüssigkeit binden. Der leuchtend grüne Chemikalienbinder verfärbt sich beim Kontakt mit Säure gelb. Die vorgesehene Einsatzzeit von 20 Minuten für den Trupp konnte zwischenzeitlich gefahrlos um weitere 5 Minuten verlängert werden. Eine Messung auf Nitrose Gase ergab dicht über dem Fußboden einen Wert von 7 ppm. Da das gesamte Stockwerk inzwischen gut gelüftet war, konnte das Labor ohne Atemschutz betreten werden.
Wenn der Deckel des blauen Fasses gehoben wurde – es wies keine Beschädigungen auf – stiegen sichtbar Dämpfe Nitroser Gase auf. Ein Atemschutztrupp verpackte das Gebinde in zwei rosa Säcke. Das geborgenen Gut wurde ins Abfallager für Chemikalien gebracht. Der Wirtschaftskontrolldienst (WKD) versiegelte danach das Labor. Die Feuerwehr gab die Ebene P10 wieder zum Betreten frei.
Untersuchung
Sechs Personen – darunter die TA – hatte der Rettungsdienst inzwischen zur Untersuchung ins Klinikum gebracht. Gegen 14 Uhr konnten sie das Krankenhaus wieder verlassen. Als die Technische Angestellte zurückkehrte, teilte sie dem Beauftragten für Arbeitssicherheit Hellstern mit, daß sie den defekten Behälter in einen anderen Raum gebracht hatte!!! Dieses Faß wies deutliche Verformungen auf und war undicht. Jedoch befanden sich nur unwesentliche Reste darin.
Hellstern vermutete, daß in diesen Behälter – der für Reste Halogenfreier Lösungsmittel (z. B. Aceton) vorgesehen war – fälschlicherweise Salpetersäure gekippt worden war. Möglicherweise über Nacht sei es im Faß zu einer Reaktion und Temperaturanstieg gekommen. Durch die Wärme gab das Plastik nach. Ob die Flüssigkeit nur ausgelaufen oder aber herausgespritzt ist, sei – vorerst – nicht klar, so Hellstern.
Durcheinander
Der zuerst geborgene Behälter war für die Aufnahme Halogenhaltiger Lösungsmittel bestimmt – und gar nicht von dem Unfall betroffen. Auch die Beschriftung stimmte. Dagegen fehlte es an korrekten Informationen für die Feuerwehr. Zumindest der Hinweis, daß ein Faß in einen anderen Raum gebracht wurde, hätte nicht fehlen dürfen.
Im zweiten Behälter befanden sich die Zellstofftücher. Da diese mit der ausgetretenen Flüssigkeit getränkt waren, erklärten sich auch die Dämpfe Nitroser Gase, als der Deckel angehoben wurde.
Schaden
Die Höhe des Sachschadens konnte Wolfgang Hellstern kurz nach dem Einsatz nicht beziffern. Möglicherweise wird ein verunreinigtes Holzregal entsorgt werden müssen. Ob Gebäudeschäden durch in Ritzen eindringende Säure zu erwarten ist, bleibt abzuwarten.
Für die Bevölkerung habe zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden, so die Einschätzung von Klaus Wehner, der auch Chef des Gefahrgut-Zuges ist. Im Gebäude selbst, hätte es nur für Leute, die sich in unmittelbarer Nähe des Labors aufhielten, gefährlich werden können, so Wehner.
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LF 16 (links) und GW-AS/Meß nach dem Einsatz. Der Mann mit der gelben Weste ist der Einsatzleiter.
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Der Einsatz dauerte knapp zwei Stunden. Von der Freiwilligen Feuerwehr waren folgende Fahrzeuge an der Einsatzstelle: ELW 1 (3/11, Astra), TLF 1100 (6/29), DLK 23-12 CC (6/33), LF 16 (6/44), MTW (6/19), GW-AS/Meß (56), GW-G (54). Kreisbrandmeister Rolf-Jürgen Stoffel verschaffte sich ebenfalls einen Überblick über das Einsatzgeschehen.
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